Zusammen leben – wie?

kjd Der Entscheid momo&ronja zu gründen ging für mich einher mit einer anderen sehr wichtigen Veränderung: Endlich und zum ersten Mal in meinem Leben würde ich in der selben Stadt wohnen und arbeiten. Nach jahrelangem Pendeln für mich eine Traumvorstellung. So viel Zeit, die ich dann für anderes nutzen kann! Bücher lesen, Menschen treffen, Natur erleben, schlafen… Zusammen mit einer lieben Freundin in einer hübschen 2.5-Zimmer-Wohnung direkt an der Aare, fast im Grünen und doch 10 Minuten vom Zentrum; mit so vielen glücklichen Zufällen hatte ich nicht gerechnet. Auch das Arbeiten in einem der allerorts spriessenden Co-Working-Spaces passte da prima zu meiner Vorstellung eines suffizienten Lebensstils.

„Ça suffit.“ heisst so viel wie „Es reicht.“ – verwendet als leidenschaftlicher Ausruf, aber auch als ruhige Bestätigung, dass es genügt. Immer wieder hört man zur Zeit auch den Ausspruch: „Genug genügt!“. Aber wie viel ist für mich persönlich genug? Wie viel brauche ich, damit ich wahrhaftig das Gefühl habe, dass es reicht? Und wovon? Dass sowohl beim Wieviel, als auch beim Wovon ein kollektives Umdenken stattfinden muss, ist bei immer mehr Bewohnenden unseres Planeten in Bezug zu den endlichen natürlichen Ressourcen meines Erachtens eine simple Rechnung.

In meiner Bachelorarbeit habe ich, gemeinsam mit einem guten Freund, zukunftsfähige Nachbarschaften untersucht. Wie wir vermutet und überprüft haben, können diese neuen Wohn- bzw. Lebensformen viel zu einer Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit beitragen. Insbesondere weil sie bei jenen Lebensbereichen ansetzen, welche die Umwelt am meisten belasten: Wohnen, Mobilität und Ernährung. Verhaltensänderungen in diesen Bereichen können bedeutend viel bewirken. Im Speziellen haben wir das Nachbarschaftsmodell von Neustart Schweiz unter die Lupe genommen.

In diesem Modell leben auf 1 Hektare städtischer Fläche rund 500 Personen. Verdichten heisst in dem Fall konkret, dass pro Person 35 m² Wohnfläche zur Verfügung stehen. Das Interessante daran: Diese Fläche kann entsprechend der eigenen Bedürfnisse in Form von individuellem oder gemeinschaftlichem Raum genutzt werden. Das heisst: Wenn eine Menge Menschen je 1 Quadratmeter beisteuern, ergibt sich daraus viel Platz für gemeinschaftliches Essen, Kochen, Lebensmittelverarbeitung, Lounge, Sport, Wellness und vielem mehr.

In einer solchen Nachbarschaft wird nicht nur gewohnt. Es wird auch gearbeitet, produziert und konsumiert. Viele soziale Dienstleistungen, etwa eine Kinderkrippe oder pflegerische Versorgung, können direkt vor Ort genutzt werden. Jede Nachbarschaft ist verbunden mit landwirtschaftlichen Betrieben, welche die Grundversorgung mit biologischen Lebensmitteln sicherstellen. Ausserdem ist sie gemeinsam mit anderen Nachbarschaften eingebettet in ein Quartier, eine Stadt, grössere Wirkungskreise und somit nicht isoliert.

Kurz zusammengefasst steht über allem das Motto: gut – zusammen – viel – weniger
gut steht für die Qualität. Die Lebensqualität, welche durch das Zusammenleben in dieser Form entsteht. Aber auch ganz konkret bspw. die Qualität der Lebensmittel aus nachhaltiger Landwirtschaft. Das Geniessen darf nicht zu kurz kommen.
zusammen macht bewusst, dass ein Umsteigen auf neue Lebensformen alleine kaum sinnvoll zu bewerkstelligen ist. Gleichzeitig ist Privatsphäre einer der zentralen Aspekte einer Nachbarschaft, Rückzug für Ruhe und Erholung ist kostbar.
viel beschreibt das umfassende Angebot, welches die Nachbarschaft ihren Bewohnenden bietet. Alles was mir wichtig ist in meiner Nähe zu haben, ist etwas besonders Wertvolles.
weniger bestätigt, dass wir durch Nachbarschaften die natürlichen Ressourcen dieser Erde schonen. So zum Beispiel durch Teilen und Tauschen von Alltagsdingen und das Reparieren von Gegenständen in der Werkstatt vor Ort.

Es gibt noch keine Nachbarschaft, welche genau nach diesem Bauplan erstellt wurde. Jedoch gibt es schon viele Projekte, insbesondere von Wohnbaugenossenschaften, welche gewisse dieser Elemente erfolgreich umsetzen. Und auch wer nicht Teil eines solchen Projekts ist, kann sich überlegen, welche Aspekte davon ins das eigene Wohnumfeld, das eigene Leben integriert werden können. Sehe ich Möglichkeiten meine Pendelwege zu minimieren? Wie viel Raum brauche ich wirklich? Kann ich den verfügbaren Mehrraum anderen zugänglich machen?

Und dann kommt das Leben: Eine Partnerschaft, die mich Landei wieder raus ins zersiedelte Gebiet lockt. Die innere Sehnsucht nach Raum für Kreativität und grünem Umschwung. Ausschau halten nach Menschen, die Zimmer mitnutzen. Die Co-Working-Ideen für die Kleinstadt weiterspinnen und nicht ausgelastete Lokalitäten besichtigen. Sich in das Leben in einem Tiny-House hineinfühlen; Eigenheim ohne Involvieren einer Bank und zudem wenig Bodenverbrauch klingt interessant! Oder doch kaufen und gemeinsam mit anderen Wohnen und Arbeiten verbinden. Zukunftgerichtet Denken und gleichzeitig die genau jetzt aktuellen Bedürfnisse berücksichtigen. Zum Glück können wir uns bei diesen Herausforderungen von vielen Pionierprojekten inspirieren lassen…


Rund

Kim Jana Degen hat 2017 gemeinsam mit Jeannine Brutschin die Organisation momo&ronja gegründet. „Als soziale Unternehmerinnen engagieren wir uns für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Zudem können wir mit momo&ronja unsere Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit der Natur in ganz konkreten Angeboten und Projekten zum Ausdruck bringen.“

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