Aufstellungen für den Wandel: Der neue Mann

jb Die Frauenbewegung hat in verschiedenen Wellen seit Mitte des 19. Jahrhunderts viel in Bewegung gebracht. Seit den 1970er Jahren gibt es auch so etwas wie eine Männerbewegung, «ein Sammelsurium verschiedener Aktivitäten und Bewegungen von Männern mit dem Ziel, Antworten auf die Herausforderungen eines gewandelten Geschlechterverhältnisses zu finden» (Hans-Joachim Lenz, Soziologe).

Wie können Männer jenseits alter Rollenbilder in ihrer Kraft sein? Wie gehen wir mit der Vielfalt an neuen Rollenbildern um? Wie kann jeder und jede von uns seine/ihre männlichen Qualitäten auf eine Art in die Welt bringen, die in Verbundenheit mit dem grossen Ganzen steht? Welche Rolle spielt der Umgang mit der befruchtenden, sexuellen Energie des Mannes? Mit diesen Fragen sind wir in die Ausschreibung für den Aufstellungs-Workshop vom 15. Juni 2018 gestartet.

Und diese Fragen habe ich im Vorfeld der Aufstellung gemeinsam mit Florentin Abächerli, der mich als Co-Leiter unterstützte, auf folgende Intention verdichtet: Wie können Männer lebensdienlich ganz in ihrer Kraft sein?

Methodisches Vorgehen und Prozess

Als Pionierin stellt momo&ronja die systemische Aufstellungsarbeit in den Dienst des Wandels hin zu mehr Lebensdienlichkeit. Damit leisten wir einen Beitrag, um auf kollektiver Ebene leichter von einem Problem- in ein Lösungsmuster zu gelangen. In einer Gruppe von Interessierten arbeiten wir an gesellschaftlich relevanten Themen und reflektieren die Erfahrungen gemeinsam. Die Teilnehmenden profitieren vom inspirierenden Austausch und einer Fülle an Erkenntnissen.

Wir nutzten wiederum (wie bei der Aufstellung „Das weibliche Feld“) den zyklischen Kreislauf der Jahreszeiten, die im Medizinrad den Himmelsrichtungen zugeordnet sind, als Einstiegsübung. Nachdem ich die vier Felder am Boden markiert hatte, erforschten die Teilnehmenden die verschiedenen Plätze und achteten dabei auf ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen. Sie hatten den Auftrag, einen Platz zu suchen, den sie als stärkend empfanden und einen weiteren Platz, der eine „gute Herausforderung“ bereithielt. In der anschliessenden Reflexionsrunde sammelten wir die Eindrücke der Teilnehmenden ein.

In der Pause wählten Florentin und ich die Elemente aus, die wir aufstellen wollten. Wir hatten uns bereits im Vorfeld entschieden verdeckt aufzustellen. Das bedeutet, dass wir den Elementen zufällig verteilte Nummern zuordneten und die Teilnehmenden dann je eine Nummer ziehen liessen. Niemand wusste also, welches Element er oder sie war, auch nicht welche Elemente überhaupt gestellt wurden. Dies erleichterte das Einlassen auf die reine Wahrnehmung in der Rolle, der Kopf konnte keinen zu starken Einfluss nehmen. Die Teilnehmenden fanden es spannend, sich auf diese Erfahrung einzulassen und das Vorgehen hat sich sehr bewährt.

Erst ungefähr in der Mitte des Aufstellungsprozesses deckten wir die Rollen auf. Repräsentiert wurden: Die „Männer“ (durch eine Person dargestellt), die „Entscheidung“, die „Kraft“, der „Übergang“, die „Natur“, das „Mütterliche“ und das „Leben“. Das Aufdecken war ein lustiger und auch berührender Moment. Viele der Teilnehmenden haben bestätigend genickt, im Sinne von: „Ah ja, jetzt verstehe ich…“. Die Aufstellung verlief grundsätzlich harmonisch und es war sehr eindrücklich – fast unglaublich – wie die Teilnehmenden „zufällig“ ihre passende Rolle ausgewählt hatten!

Doch jetzt nochmals zurück zum Anfang der Aufstellung: Nachdem alle Elemente ihren Platz im Raum eingenommen hatten, ergab sich eine kreisförmige Anordnung, mit der Kraft in der Mitte und dem Leben etwas ausserhalb. Die Elemente beschrieben ihren Startplatz so:

  • Das Leben fühlte sich am Anfang eher ausserhalb, etwas im Dunkeln.
  • Die Natur fühlte sich mit allem verbunden, sie mochte die Übersicht haben.
  • Die Kraft war gerne im Zentrum, es fehlte ihr aber noch etwas im Rücken.
  • Der Übergang hatte das Bedürfnis dorthin zu gehen, wo es mehr Raum gab.
  • Den Männern war es angenehm, als der Übergang mehr Raum hatte. Sie hatten vor allem zu ihm eine Verbindung.
  • Das Mütterliche konnte am Anfang nicht zur Kraft schauen.
  • Die Entscheidung fand, dass die Männer in die falsche Richtung schauten.

Als die Männer im Verlaufe der Aufstellung ihren Blick dem Leben zuwendeten, wurde es dort heller. Das Mütterliche hatte Schmerzen im linken Arm. Es fühlte sich sehr zum Leben hingezogen. Als es sich zum Leben hinbewegte und dort den schmerzenden Arm andockte, wurde es besser.
Für die Männer fühlte sich die Verbindung vom Mütterlichen mit dem Leben gut an. Die Männer waren fasziniert vom Mütterlichen, der Rest interessierte sie in diesem Moment nicht so. Die Entscheidung war auf dem Beobachterposten und fühlte sich wohl dabei.

Bis hierher war die Aufstellung verdeckt verlaufen, ohne dass die Teilnehmenden ihre Rolle kannten. Das Aufdecken der Rollen löste viel aus. Die Reaktionen im Einzelnen:

  • Das Leben war sehr berührt,
  • das Mütterliche sah bei den Männern etwas Spitzbübisches aufblitzen,
  • die Männer hatten eine klare Ausrichtung zum Mütterlichen und zum Leben,
  • die Entscheidung hätte am liebsten alle Elemente selber hingestellt,
  • die Kraft war in der Mitte,
  • der Übergang sah sich als Verbindung zur Kraft und zur Natur,
  • die Natur hatte einen freiheitlichen Impuls, Übersicht zu haben war wichtig. Die Natur hatte auch etwas Ambivalentes, sah sich als Authentizität für jeden Aspekt.

Weiter ging es so: Die Kraft, welche zuerst in der Mitte stand, suchte sich einen neuen Platz, an dem sie sich weiterhin gut beteiligt fühlte und doch die Übersicht hatte. Der spezielle Moment der Veränderung war, als sich die Männer der Entscheidung gegenüberstellten. Die Männer bedankten sich zuerst noch beim Mütterlichen und dem Leben. Dies unterstützte den Prozess, und die Männer konnten sich jetzt ganz der Entscheidung gegenüberstellen. Diese erschien zuerst sehr gross und fordernd. Mit dem Neuordnen der Elemente verlor die Entscheidung mehr und mehr von dieser bedrohlich wirkenden Ausstrahlung und wurde immer kleiner.

Die Kraft stellte sich in den Rücken der Männer und stützte sie mit einer Berührung. Das Mütterliche im Raum zog sich zurück und fand einen neuen Platz hinter dem Leben. Die Männer hatten die Kraft, das Leben und das Mütterliche nun in direkter Verbindung im Rücken. Beim Blick zurück konnten sie wahrnehmen, dass das Mütterliche voller Freude auf sie blickte. Die Natur, verbunden mit dem Übergang zu den Männern, war eine grosse Hilfe bei diesem Prozess. Mit diesem Schlussbild beendeten wir die Aufstellung:

Schlussbild

Skizze zum Schlussbild der Aufstellung „Der neue Mann“

Unsere Erkenntnisse

Nach einer Abschlussrunde und der wohl verdienten Pause kamen wir noch einmal zum Sammeln der Erkenntnisse zusammen. Nach der harmonischen Aufstellung kam die Spannung des Themas nun in der Erkenntnisrunde zum Ausdruck. Es gab heftige Diskussionen über „richtige“ und „falsche“ Aussagen. Mir kam es manchmal vor wie die Diskussion um das Huhn und das Ei. Es gelang dabei nur bedingt, in innerer Verbundenheit mit dem Erlebten zu bleiben und darüber auszutauschen. Und doch kam eine wertvolle Auswahl an Blitzlichtern zusammen:

Rund um das Mütterliche

  • Das Mütterliche freut sich am männlichen Schalk. Eine Fülle an Freude ist möglich.
  • Das Mütterliche freut sich über die Verbindung von den Männern mit der Kraft und dem Leben.
  • Die neue Ordnung hat Kraft gegeben. Das Mütterliche war zum Schluss am richtigen Platz.
  • Das Mütterliche bereitet den Raum für die Kraft und das Leben, indem es sich im richtigen Moment zurückzieht.

Rund um die Entscheidung

  • Entscheidungen passieren in / durch Übergänge.
  • Es braucht Mut sich zu entscheiden, das Ringen um Entscheidung.
  • Wenn man sich nicht vor der Entscheidung scheut, kommt Authentizität. Oder umgekehrt?
  • Das Bewusstwerden, dass eine Entscheidung ansteht, bringt Authentizität und Rückverbindung.
  • Wenn das Männliche verbunden ist mit der Kraft und dem Leben, verliert die Entscheidung an Gewicht.
  • Die Präsenz der Entscheidung muss nicht bedrohlich sein. Im Vertrauen auf die eigene Kraft, auf das, was mich als Ganzes ausmacht, sind Entscheidungen leichter.

Rund um die Natur

  • Der Übergang zeigt, dass es über die Natur einfach möglich ist, in die Kraft zu kommen.
  • Die Natur ist ein Zugang, um den Übergang in die Kraft zu stärken.

Und was ist mit den Männern? Mögliche Interpretationen:

  • Sie (der repräsentierte Anteil) haben den Übergang in die Fülle des Sommers geschafft, d.h. die volle Verantwortung für das eigene Leben und den eigenen Weg übernommen;
  • haben sich der Entscheidung bewusst gestellt;
  • hatten einen guten, kraftvollen Stand mit viel Unterstützung im Rücken;
  • freuten sich über die nährende Verbindung zum Mütterlichen und darüber, dass das Mütterliche mit Freude auf sie blickte;
  • waren am Schluss gut verbunden mit der Natur.

Ob Mann oder Frau, diese Verbindung zur Natur wollen wir weiter stärken. Am 21. September geht es weiter mit der Aufstellung „Unsere Beziehung zur Natur, erster Teil: Feuer und Erde sein“; am 16. November folgt der zweite Teil „Von Wasser und Luft durchströmt“. Wir freuen uns über mutige Mitwirkende, die sich entscheiden, bei diesem kollektiven Veränderungsprozess mitzumachen!


Jeannine Brutschin hat 2017 gemeinsam mit Kim Jana Degen die Organisation momo&ronja gegründet. „Als soziale Unternehmerinnen engagieren wir uns für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Zudem können wir mit momo&ronja unsere Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit der Natur in ganz konkreten Angeboten und Projekten zum Ausdruck bringen.“

Ein Gedanke zu “Aufstellungen für den Wandel: Der neue Mann

  1. Danke, liebe Jeannine, für die kreative Zusammenarbeit und besonders auch für unseren schönen Auseinandersetzungsprozess in der Vorbereitung! Und danke sehr auch allen Teilnehmenden für ihr Interesse und ihre Hingabe! Schön war’s, intensiv und bewegend!
    Für mich persönlich nehme ich aus der Aufstellung mit: „Der neue Mann“ und das Männliche in der Frau 😉 ist nichts Absolutes und auch nichts Plötzliches. Er kann herauswachsen aus der Verbindung zum mütterlichen Ursprung in die eigene Kraft und Klarheit.

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