Eine Geschichte über die Magie des Zuhörens

jb In diesem Blog möchte ich eine meiner Lieblingsgeschichten mit euch teilen. Sie handelt von der Kraft der Geschichten, wenn Menschen im Kreis zusammen kommen, um sie zu teilen, und von der Kraft der Stille, die zwischen den gesprochenen Worten wirkt. Momo, die bekanntlich zuhören kann wie keine andere,  hätte ihre wahre Freude an dieser Erzählung über die Magie des Zuhörens. 🙂

Sein Name war Joe, oder so ähnlich. Er hatte halb spanisches, halb indianisches Blut in den Adern. Sein Grossvater, der Vater seines Vaters, war ein Vollblut-Pueblo und Mitglied des Ältestenrates seines Stammes. Joe hatte die Pueblos als Kind mit seiner hispanischen Mutter Mutter verlassen und war während der Depression als Zwanzigjähriger zurückgekommen, um die Traditionen seines Stammes zu lernen.

Kurz nach Joes Rückkehr unterbreitete die Regierung dem Volk der Pueblo ein wichtiges Angebot, das sich auf einen Teil ihres Landes und auf bestimmte Mineralvorkommen bezog. Die Ältesten beriefen ein Council ein, um über das Angebot zu entscheiden, und Joes Grossvater lud ihn ein, im Kreis als Zeuge dabei zu sein.

Joe wartete, bis alle Männer die Kiva betreten hatten, ehe er ebenfalls mit seiner eingerollten Decke hinunterkletterte. Er setzte sich hinter seinen Grossvater nahe dem Vorsprung in der Wand, auf dem Tontöpfe, Trommeln und Bündel aus getrocknetem blauen Mais lagen. In der Feuerstelle in der Mitte brannte ein Feuer. Der grosse, traditionelle Stein stand auf der anderen Seite des Feuers, gegenüber dem „sipapu“, jener Öffnung in der Erde, durch die die Ersten Menschen aus der Unterwelt in diese Welt gekommen waren.

Die Ältesten sassen einige Minuten in der Stille, während Joe erwartungsvoll dem Beginn der Diskussion entgegensah. Dann wickelte der Führer des Stammes ein blau-weisses Bündel auf und nahm etwas heraus, das wie ein Pfeifenrohr aussah. Es war etwa anderthalb Fuss lang und an einem Ende mit Federn und einem Band aus Türkisen geschmückt, das andere Ende war mit feinem Leder umwickelt. Obwohl er ihn nie zu vor gesehen hatte, wusste Joe, dass dies der Redestab des Stammes war, der nur bei wichtigen Versammlungen benutzt wurde. Der Stammesführer hielt den Stab einen Augenblick behutsam in der Hand und erzählte dann die Geschichte, als Deer (Hirsch) so schnell laufen lernte wie ein Tubleweed-Busch, der vom trockenen Wüstensand gejagt wird. Joe erinnerte sich schwach an diese Geschichte aus seiner Kindheit im Pueblo.

Als er geendet hatte, gab er den Stab weiter an den Ältesten zu seiner Linken, der dann eine Geschichte über die Vorfahren erzählte, die das Puebla gebaut hatten, und die Joe noch nie zuvor gehört hatte. Und so ging es weiter, jeder der alten Männer fügte seine Geschichte zum Kreis hinzu, so als ob er ein wertvolles Stück Holz in das rituelle Feuer legen würde. Ein Teil von Joe wurde wieder zum Kind, verzaubert von den Geschichten, durch die sich sein Volk seit Generationen definierte und stärkte. Der andere Teil jedoch wurde immer verwirrter und unruhiger. Wann fangen sie endlich an, über das Angebot der Regierung zu diskutieren, fragte sich dieser Teil von Joe. Denn obwohl die Geschichten etwas ganz tief in seinem Innern berührten, waren immerhin vier Stunden vergangen, und das Angebot war noch nicht einmal erwähnt worden.

Als der Redestab einmal die Runde gemacht hatte, setzte sich Joe aufrecht hin, um nur ja kein Wort von der nun zweifellos folgenden Diskussion zu verpassen. Der Führer legte den Redestab langsam auf das blau-weisse Tuch und schloss die Augen. Alle anderen taten es ihm nach. Als einziges Geräusch war das leise Knistern des Feuers zu vernehmen.

In der Stille, die nun in der Kiva herrschte, kamen in Joe die Erinnerungen an das Trommeln und die Lieder aus seiner Kindheit auf – und er überlegte weiter, wann sie denn endlich mit der Diskussion um das Angebot anfangen würden. Nach einer sehr langen halben Stunde fingen alle Ältesten an, sich zu bewegen, so als ob es eine stillschweigende Übereinkunft gegeben hätte, und sahen sich langsam und bedächtig in die Augen. Keiner sagte ein Wort. Es gab keine Debatte. Und zu Joes Verblüffung standen die Männer langsam auf, streckten ihre Glieder nach dem langen Sitzen und gingen ruhig und wortlos aus der Kiva. Joe wartete, bis alle draussen waren, dann lief er schnell hinter seinem Grossvater her.

„Was war das denn?“, platzte er heraus, als er ihn erreicht hatte, etwas ausser Atem. Der alte Mann unterdrückte ein Lächeln und ging weiter. „Ich dachte, das Council würde sich mit dem Angebot beschäftigen“, fuhr Joe fort, noch immer verwirrt.
„Das haben wir“, sagte sein Grossvater mit ruhiger Stimme.
„Ich habe keine Diskussion gehört – und ich habe bestimmt nichts von einer Entscheidung gehört“, gab Joe ungläubig zurück.
„Dann hast du nicht zugehört“, antwortete sein Grossvater und konnte sein Lächeln nicht mehr unterdrücken. „Bei einem Council hörst du mit den Ohren eines Hasen in die Stille zwischen den Worten.“
„Willst du damit sagen, dass das Council den Antrag besprochen hat und zu einer Entscheidung gekommen ist?“
„Ja!“
„In der Stille?“
„Und in den Geschichten“, fügte der Grossvater lachend hinzu.
Plötzlich verstand Joe. In diesem Augenblick entzündete sich in ihm ein Funken von der Magie des Councils und er begriff seine Verbindung zu dem, was er in der Kiva erlebt hatte. Die Art, wie die Männer zugehört und gesprochen hatten, wie jeder von ihnen seinen Teil zur Wahrheit des ganzen Kreises beigetragen hatte, das alles erfasste er und es kam ihm vor wie ein Wunder.

(aus dem Buch „Der grosse Rat. Das Council – mit dem Herzen hören und sprechen, den Kreis erweitern“, Jack Zimmermann & Virginia Coyle, 2010, arbor)


 

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