Mutter und soziale Unternehmerin: Der Einstieg

kjd „…ihr geht alle schon wieder arbeiten?“ Meine Banknachbarin in der Garderobe des Rückbildungs-Pilates ist offenbar irritiert. Es stellt sich heraus, dass sie einen Satz des Gesprächs aufgeschnappt hat, welches ich mit einer anderen Frau des Kurses führe. Sofort fühle ich mich missverstanden und habe das Gefühl, ich müsse mich rechtfertigen: Wer ist hier alle? Hat sie überhaupt gehört, wie wir uns als junge Familie organisieren? Warum habe ich das Bedürfnis zu entgegnen, dass es sich in meinem Fall nicht um die Art Arbeit handelt, welche sie vielleicht kennt.

Ich merke, dass eine Klärung hier und jetzt nicht möglich ist. Aber der Kommentar, seine Tonalität und die gefühlte Diskrepanz zu meinem Erleben lässt mich nicht los. Was es heisst, Mutter und soziale Unternehmerin zu sein, das finde ich gerade heraus und möchte hier einige meiner Gedanken und Wünsche teilen.

Ich habe mich entschieden, nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub wieder teilzeit ins Arbeitsleben einzusteigen. Ich bin mitverantwortlich, dass unser Startup den Sprung in die Selbsterhaltung schaffen kann und doch gibt es wichtigere Gründe, weshalb es für mich der richtige Zeitpunkt war: Die Balance zwischen Mutter-Sein und meiner Berufung macht mich glücklich.

Es erfüllt mich, mit meinem Sohn die Welt ganz neu zu entdecken und die Höhen und Tiefen dieser Entwicklung zu erleben. Bei momo&ronja habe ich gleichzeitig eine Vielfalt von Möglichkeiten, meine Talente zu nutzen und meine Kreativität auf eine Art auszuleben, die dem grösseren Ganzen dient. Die Kombination passt zu mir: Mein Kind begleiten und mich in einem Unternehmen der neuen Art engagieren, wo genau dieses Sowohl-als-auch auf verschiedenen Ebenen gelebt wird. In beiden Rollen kann ich mit vielen kleinen Taten die Welt etwas zukunftsfähiger gestalten.

Mein Partner, der selbst Unternehmer ist, hat einen Vaterschaftsurlaub von fünf Monaten genommen. So hatten wir die Möglichkeit, uns gemeinsam auf die Geburt und den neuen Lebensabschnitt einzustimmen. Ich bin sehr dankbar, dass ich in den ersten Wochen nach der Geburt auf seine tatkräftige Unterstützung und Umsorgung zählen durfte. Nun arbeiten wir beide Teilzeit und schauen im Wechsel zu unserem Sohn. Wir sind noch am Eingewöhnen und finden erst heraus, wie wir Hobbys und andere Bedürfnisse berücksichtigen und in den neuartigen Alltag integrieren können. Wir dürfen dabei bereits von kurzen Grosi-Hütezeiten profitieren, was sehr wertvoll ist.

FamilyWork
Im Moment arbeite ich hauptsächlich von Zuhause. Einmal in der Woche treffe ich mich mit Jeannine im Kloster. Dann bringt das Grosi unseren Kleinen in der Mittagspause zum Stillen und mein Partner holt ihn auf dem Nachhauseweg von seiner Arbeit ab.

Ich bin mir bewusst, dass wir uns in einer privilegierten Situation befinden. Ich habe viele Freiheiten, was meine Arbeitssituation betrifft, genau wie mein Partner. Ich weiss, dass es auch in der Schweiz Familien gibt, welche sich Teilzeitarbeit oder eine – noch so kurze – Auszeit nicht leisten können. Alle anderen Mütter und Väter möchte ich gerne fragen: Worauf könntet ihr verzichten, um mehr Zeit zu haben für das, was euch wirklich am Herzen liegt? Seid ihr bereit zu überprüfen, wofür ihr das Geld ausgebt, welches ihr zur Verfügung habt? Wie viel ist euch Familienzeit wert?

Ich wünsche mir, dass jede Familie aus allen möglichen Modellen dasjenige aussuchen kann, welches ihr – für den Moment – am besten entspricht. Dies mag nach Zukunftsmusik klingen und dennoch möchte ich uns alle ermuntern Experimente zu wagen. Vielleicht erst ganz vorsichtig im Kopf, darüber ausgetauscht am Küchentisch und dann in kleinen und grösseren Schritten umgesetzt im echten Leben. Damit wir sinnerfüllte Arbeit suchen und finden, welche wirklich zu uns passt und die Familienzeit mit all ihren Kostbarkeiten nicht unerlebt an uns vorbeifliegt.


Rund

Kim Jana Degen hat 2017 gemeinsam mit Jeannine Brutschin die Organisation momo&ronja gegründet. „Als soziale Unternehmerinnen engagieren wir uns für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Zudem können wir mit momo&ronja unsere Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit der Natur in ganz konkreten Angeboten und Projekten zum Ausdruck bringen.“

2 Gedanken zu “Mutter und soziale Unternehmerin: Der Einstieg

  1. Liebe Kim, danke für diesen berührenden und authentischen Blog … der so eine Art Weihnachtsgeschichte ist. Möge es immer mehr so bewusste Eltern geben wie ihr es seid! Liebe Grüsse und ein erfülltes neues Jahr – Pierre

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