Unmittelbarer Ausdruck vs respektloses Ausspucken

kjd «conscious shit!» diesen Begriff habe ich neu gelernt am Cypher19 – einer Sendung von SRF Virus, in welcher während fast sieben Stunden etwa 80 Schweizer Rapper plus eine Handvoll Schweizer Rapperinnen das Mikrofon herumreichten. Bei diesem Live-Event ging es darum, kurze unveröffentlichte Texte zum Besten zu geben. Es dominierten respektloses Ausspucken ‚Spitten‘ von Fluchwörtern und Beleidigungen, Frauenfeindlichkeit und Grössenvergleiche aus der Steinzeit. Ein eher unerwarteter Ort für bloggenswerte Erkenntnisse. Wird dieser Text also eine Anti-HipHop-Moralpredigt? Weit gefehlt!

beweisfoto
Kim Jana und Greis, 2015

Meine innere musikalische Welt ist farbenfroh und wer mich etwas länger kennt, weiss: Rap hat seit vielen Jahren einen speziellen Platz in meinem Herzen. Neben meiner grossen Liebe zu vibrierendem Bass und treibenden Beats hat mich an diesem Musikstil schon immer fasziniert, dass Botschaften mit sehr viel Schubkraft vermittelt werden können.

Wenn Rapper_innen respektvoll bleiben und doch kein Blatt vor den Mund nehmen, treffen einen unbequeme Wahrheiten manchmal wie ein Schlag in die Magengegend.

 

Es ist unangenehm, ab und zu auch schmerzhaft, wenn uns auf diesem Weg neue Perspektiven eröffnet werden. Ein anderer Blickwinkel ist aber auch die beste Möglichkeit unseren Horizont zu erweitern und zunehmend bewusster (eben „conscious“) zu werden. Dafür braucht es jedoch mehr als ein paar gut gereimte Zeilen:

Ich werde dann hellhörig, wenn ein Songtext dem Leben entspringt. Ich fühle mich angesprochen, wenn der Rapper seine wahren Gefühle, Gedanken, Empfindungen kundtut, die Rapperin mir authentisch ihre Sicht der Welt beschreibt – das ist für mich dann eben unmittelbarer Ausdruck dessen, was gerade lebendig ist. Dieses echte Teilen kann schon mal etwas rauer daherkommen, aber es unterscheidet sich grundsätzlich vom rücksichtslosen Schimpfen und Beschimpfen.

Ich bin überzeugt, dass Wut sogar als Antriebskraft für Transformation genutzt werden kann. Das erfordert jedoch eine geballte Ladung Bewusstsein. Die Macht der Worte beeindruckt mich und ich erforsche interessiert die Wirkung der musikalischen Schwingungen auf mein Befinden. Gwundrigen Lesenden kann ich als Einstieg diesen achtsamen Einsatz von Rap-Talent empfehlen:

Kaum zu glauben: Selbst am derben Cypher gab es Künster_innen wie Steff la Cheffe, welche (etwas) aus der Reihe rappten. Die gewählte Sprache war dem Anlass angepasst und nichts für sanfte Seelen, doch die Worte trugen Anstoss für Entwicklung in sich. Spannend fand ich, dass «conscious shit!» jeweils dann als Kompliment gerufen wurde, wenn in einem Beitrag dem allgemeinen Tenor zutrotz tiefgründige Themen und die globalen Herausforderungen unserer Zeit angesprochen wurden. Immer wieder stand dabei das Teilen von Liebe statt dem Austeilen von Hasszeilen im Zentrum. Ein gut platzierter Seitenhieb für das Gros der Teilnehmenden am Event. Das braucht Mut.

Lust auf mehr?
Greis, Teil vom Problem
Steff la Cheffe, Tiefer Gah
Stress, On n’a q’une terre


Rund

Kim Jana Degen hat 2017 gemeinsam mit Jeannine Brutschin die Organisation momo&ronja gegründet. „Als soziale Unternehmerinnen engagieren wir uns für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Zudem können wir mit momo&ronja unsere Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit der Natur in ganz konkreten Angeboten und Projekten zum Ausdruck bringen.“

Ein Gedanke zu “Unmittelbarer Ausdruck vs respektloses Ausspucken

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