Verbindende Erlebnisse und warum ich nicht gerne spaziere

kjd Vielleicht erstaunlich aber wahr: Bei unseren Aufstellungen für den Wandel sammeln wir Erkenntnisse und Lösungsansätze, welche direkt im Alltag anwendbar sind. Im ersten Teil von „Frau*Mann: Wie geht konstruktives Miteinander jenseits von Stereotypen?“ haben wir erfahren, welche grosse Bedeutung die verbindenden Erlebnisse im co-kreativen Zusammenspiel von weiblicher und männlicher Energie haben. Was kann das konkret bedeuten?

Die Zeit, welche wir mit anderen Menschen verbringen, bewusst zu gestalten und zu geniessen, ist sicher ein guter Anfang. Als junge Familie hatten wir gerade die perfekte Gelegenheit genau das zu üben.

Mit dem Nachtzug sind wir für eine Woche nach Prag gereist. Mit dabei waren auch Danica und mein Grossvater. Es war ein generationenübergreifendes Erlebnis der besonderen Art. Unsere Reiseleiterin Radka hat uns zu den Energiezentren dieser magischen Stadt geführt. Die Tage als intensiv zu beschreiben, wäre untertrieben. Als neu formierte Reisegesellschaft sind wir mit viel Achtsamkeit in die bereitstehenden Gruppenprozesse eingestiegen. Wir haben das gemeinsame Dritte gesucht und gefunden und so unsere Zeit zusammen sehr bewusst gestaltet. Was wir auch in der Aufstellung Frau*Mann Teil 1 erkannt haben, hat sich bestätigt: Aus den verbindenden Erlebnissen entsteht wieder das Gefühl von Miteinander. 

Für mich war es dafür sehr wichtig, immer wieder ganz im gegenwärtigen Augenblick anzukommen. Hierbei hat mich unser Sohn Jaron sehr unterstützt. Ich konnte jeden unmittelbaren Ausdruck seiner Gefühle als Meditationsglocke für mich nutzen: „Was ist jetzt gerade lebendig?“. Ganz in den Moment zurückgeholt hat mich auch der Fokus auf die Wahrnehmung meiner Sinne. Das Schmecken des Wassers, das Riechen der Blüten, das Hören der Sprache, von der ich kein Wort verstehen kann… Eine weitere, für mich hocheffiziente, Methode mich tiefer auf das real Verbindende einzulassen: Ich bin die ganze Woche offline geblieben, frei von meiner Mailbox und Social Media.

Diese drei Wegweiser für ein bewusstes Erleben möchte ich mitnehmen in meinen Alltag: Was ist jetzt gerade lebendig? Was nehme ich wahr? Wie ist mein Verhältnis von online und offline Verbindung?

Auch möchte ich mehr verbindende Erlebnisse in mein Leben einweben. „Wunderbar, also lass uns regelmässig Abendspaziergänge unternehmen!“ höre ich es erfreut aus dem Nebenzimmer rufen. Sofort macht sich ein Widerstand in mir breit. Tage lang eine Stadt zu Fuss erkunden: Wunderbar. Gemütlich einem Fluss entlangschlendern: Perfekt. Eine Wanderung zum Lieblingsrestaurant: Jippie! Aber ein Spaziergang in meiner Nachbarschaft? Das finde ich einfach nur furchtbar. Weshalb eigentlich?

Schulz von Thun und andere haben schon lange erkannt, dass wir – oftmals widersprüchliche – Anteile unserer Persönlichkeit in uns tragen. Mein Lieblingsvideo zu diesem Thema ist von Teal Swan: Fragmentation (deutsche Untertitel vorhanden). Es erklärt, wie wir analog zum Vorgehen in der Aufstellungsarbeit diese inneren Aspekte kennenlernen können, indem wir bewusst in ihre Rolle schlüpfen. Als ich das Bewusstsein meines „Aspekts, der nicht spazieren will“ angenommen habe, entstand folgender Textausschnitt:

„Ich nehme die Natur nicht wahr. Ich kann keine Verbindung zu ihr aufbauen. Ich spüre das Ausmass meiner Isolation. Ich spaziere nur, weil ich von anderen dazu gezwungen werde. Alle sagen mir, ich sollte mich dabei gut fühlen – tue ich aber nicht. Alle sagen mir, ich sollte mich danach besser fühlen – tue ich aber nicht. Beim Spazieren fühle ich mich ultimativ alleine. Wer mit mir unterwegs ist, versinkt schweigend in seine eigene Welt. Ich werde auf meine drehenden Gedanken zurückgeworfen. (…) Niemand macht sich die Mühe, mich zu verstehen.“

Vermeintlich verbindende Erlebnisse können also für (Aspekte von) uns gar isolierend sein. Da gilt es gut hinzuschauen. Natürlich hat dieser Anteil von mir eine Geschichte, aber darauf möchte ich hier nicht weiter eingehen. Ich habe in einem nächsten Schritt jenen Aspekt ins Bewusstsein geholt, der gerne spazieren möchte und im Dialog mit beiden herausgefunden, wie ich Situationen schaffen kann, in welchen sie sich beide wohl fühlen. Ich habe also quasi ein Gespräch bis zum inneren Konsent moderiert. Wieder eine Bestätigung, dass bei unserer Arbeit zur persönlichen Transformation Aufstellungsarbeit und Soziokratie nah bei einander liegen.

erlebnisse_blog

Mein Fazit: Für das konstruktive Miteinander von weiblichen und männlichen Kräften sind verbindende Erlebnisse zentral. Die gemeinsame Zeit achtsam und bewusst zu gestalten, ist ein guter Anfang. Im Erleben immer wieder im gegenwärtigen Moment anzukommen, scheint ein Schlüssel zum Glück zu sein. Damit ein Gefühl von echtem Miteinander entstehen kann, gilt es weiter zu entdecken, wann ich mich mit meinem Gegenüber und meinen eigenen inneren Aspekten wirklich verbunden fühle.

Cover Photo by Spring Fed Images on Unsplash


Rund

Kim Jana Degen hat 2017 gemeinsam mit Jeannine Brutschin die Organisation momo&ronja gegründet. „Als soziale Unternehmerinnen engagieren wir uns für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Zudem können wir mit momo&ronja unsere Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit der Natur in ganz konkreten Angeboten und Projekten zum Ausdruck bringen.“

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