Von Tree Huggers und Co. oder warum Bäume umarmen eigentlich cool ist.

jb. Auf dem Titelfoto von momo&ronja umarmen Kim und ich einen Baum. Meinem Sohn ist das peinlich. Mein Mann steht grundsätzlich dahinter, hat aber Bedenken, dass es gewisse Leute abschrecken könnte. Das lässt mich mit einem inneren Konflikt und etwas ratlos zurück. Und es hat mich motiviert, darüber zu schreiben und zu recherchieren, wo dieses Peinlichkeitsgefühl denn eigentlich herkommt. Wieso schämt man sich dafür, einen Baum zu umarmen?

Unser soziales Unternehmen steht für Naturverbundenheit. Wir unterstützen Menschen und Teams darin, den Kontakt zur Natur zu fühlen (und damit auch sich selber) und mehr und mehr aus dieser Verbundenheit heraus zu handeln. Es ist doch irgendwie logisch. Wenn ich in Beziehung bin mit einem Menschen, möchte ich, dass es ihm gut geht. Wieso soll das mit der Beziehung zur Natur anders sein? Wiederaufforstung ist gut, weniger Fleisch essen auch, plastikfrei einkaufen sowieso. Aber es ist nur eine Seite der Medaille.

Aber wenden wir uns zuerst dem englischen Begriff „Tree Hugger“ zu. Da werden einige interessante Zusammenhänge sichtbar.

Tree Hugger – Ursprung des Begriffs

Im herkömmlichen (englischen) Sprachgebrauch ist mit Tree Hugger ein „zugedröhnter, bestenfalls verwirrter Hippie gemeint, der umhergeht und Bäume umarmt, um sich mit der Natur zu verbinden.“ Oder allgemeiner und gemäss Wikipedia ist es ein umgangssprachlicher, abwertender Begriff für Umweltaktivisten. Assoziierte Eigenschaften: emotionell und irrational.

Aber eigentlich geht der Ausdruck auf eine Gruppe von 350 mutigen Frauen und Männern einer hinduistischen Dorfgemeinschaft in Indien zurück, die buchstäblich mit dem eigenen Leib die Bäume ihres Dorfes beschützt haben und dabei im Jahr 1730 von Forstarbeitern auf der Suche nach Baumaterial für einen neuen Königspalast getötet wurden. Ihr Einsatz war nicht umsonst: Ein königliches Dekret verbot fortan das Fällen von Bäumen in der Region um Bishnoi.

Diese heroische Aktion inspirierte eine ähnliche Bewegung in den 1970er Jahren in Uttar Pradesh in Indien, wo ein Gruppe Bäuerinnen mit ihren Körpern eine Barriere bildeten und das Abholzen von Bäumen verhinderte. Diese Praxis wurde unter dem Namen „Satyagraha“ bekannt und verbreitete sich als „Chipko“-Bewegung (chipko = klammern). in ganz Indien. Diese Bewegung zum Schutz des Waldes hatte grosse Wirkung in der ganzen Himalaya Region und gewann 1987 den „Right Livelihood Award“ für ihre Erfolge bei der Wiederaufforstung und dem Umgang mit natürlichen Ressourcen.

Erkenntnis Nr. 1: Tree Hugger sind Heldinnen und Helden und ihrer Zeit weit voraus.

Tree Hugger – Ein erfolgreicher Brand

TreeHugger.com ist ein erfolgreiches, englischsprachiges Online-Medienunternehmen, das Nachhaltigkeitsthemen auch im Mainstream populär machen will. Es ist auf jeden Fall ein cooler Brand mit vielen Stories und Facts rund um das Thema Nachhaltigkeit und Lifestyle. Der Gründer Graham Hill spricht in diesem Video über die Kunst des Reduzierens:

Die Webseite zeigt viele inspirierende Aktivitäten im aussen und Tree Hugger ist als Brand positiv besetzt. Was diese Themen in unserem Inneren auslösen bleibt offen und ein „Bäume-umarmen-Feeling“ kommt bei mir beim Betrachten der Seite nicht auf.

Erkenntnis Nr. 2: Ein cooler Brand macht noch keinen richtigen Tree Hugger.

Stolz ein Tree Hugger zu sein

Auf die Frage, woher denn eigentlich unser Peinlichkeitsgefühl kommt, habe ich erst Teilantworten gefunden:

  • Emotionalität oder im positiven Sinne Feinfühligkeit, wird in unserer Gesellschaft gerne abgewertet.
  • Sich nur schon in konkreten Aktivitäten für die Umwelt einzusetzen, und dies öffentlich zu bekennen ist je nach Kreisen, in denen man sich bewegt, bereits ein Riesenschritt.

Eine weitergehende Antwort habe ich im Blogartikel von Matthew Henson gefunden, der beschreibt, wie er zum Tree Hugger wird und erst noch stolz darauf ist. Es geht um seinen allerersten Besuch eines ökopsychologischen Seminars.

Die Ökopsychologie erforscht die heilende Wirkung von Naturerfahrung und die krankmachende Wirkung zerstörter Natur.

Aus „Die Erde in uns“ von Petra Steinberger

Matthews grösste Angst zu Beginn des Seminars: Als „Tree Hugger“ abgestempelt zu werden. Heute ist Matthew selber als Ökopsychologe tätig und begleitet Menschen auf dem Weg zu mehr Naturverbundenheit und Selbsterkenntnis. Er hat seine Angst überwunden und ist zum bekennenden Tree Hugger geworden.

Erkenntnis Nr. 3: Tree Hugging ist peinlich – bis man es einfach tut.

Was bedeutet das für mich? In der Geschichte von Matthew sehe ich einige Parallelen zu mir selbst. Auch ich bin in einer atheistischen Familie aufgewachsen. Unsere ganze Gesellschaft ist stark von dieser wissenschaftlichen, sachlichen, materiellen Sicht geprägt. Als Kind hatte ich einen sehr ausgeprägte Wahrnehmung für die Natur. Ich bin stundenlang im Garten unter den Johannissträuchern gesessen. Und war in dieser Erfahrung ganz aufgehoben. Im Laufe des Erwachsenwerdens habe ich diesen Zugang verloren. Ein Seminarbesuch bei einem indianischen Lehrer hat mir als Erwachsene ermöglicht, wieder an diese Erfahrung anknüpfen zu können. Es war etwas vom Tollsten, was ich je erlebt habe.

Ich kann nicht aus meiner Haut, das Tree Hugging liegt mir im Blut! (Natürlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten, mit der Natur in Kontakt zu kommen.)
Ich freue mich auf den Moment, in dem mein Sohn stolz darauf sein kann.

Jeannine Brutschin ist Geografin und systemische Naturtherapeutin und bietet auf Anfrage individuelle Begleitung in der Natur zu persönlichen Themen und in Verbindung mit dem eigenen Herzensprojekt.

Möchtest du selber die heilende Wirkung von Naturerfahrung erleben?

 Origin of the term:
https://greengroundsatuva.wordpress.com/2014/03/24/tree-hugger-origins-of-the-term/

How Environmentalism is Entwined with Racial Justice: https://www.newamerica.org/millennials/dm/what-it-means-be-called-tree-hugger/

„I’m a tree hugger and I’m proud“:
https://iahip.org/inside-out/issue-87-spring-2019/on-becoming-a-tree-hugger


Jeannine Brutschin hat 2017 gemeinsam mit Kim Jana Degen die Organisation momo&ronja gegründet. „Als soziale Unternehmerinnen engagieren wir uns für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Zudem können wir mit momo&ronja unsere Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit der Natur in ganz konkreten Angeboten und Projekten zum Ausdruck bringen.“

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