Der gemeinsame Weg

kjd. Ich lasse mich von der aussergewöhnlichen Lage bewegen, in welcher wir uns als Gesellschaft zur Zeit befinden. Bei all den komplexen Ebenen dieser Situation berührt mich ein Element ganz besonders: Die Verhärtung der Fronten. Das entrüstete Fingerzeigen auf „die da“, die immer noch nicht begriffen haben, um was es hier geht.

Unabhängig davon, wer für mein jeweiliges Gegenüber gerade „wir hier“ bzw. eben „die da“ sind, mir ist es ein Anliegen meinen Mitmenschen zuzuhören. Ich achte darauf, nicht leichtfertig zu urteilen und mit dem Herzen hinter die Worte der Angst, Wut, Sorge und Trauer zu fühlen. Welche Bedürfnisse, Sehnsüchte, Wünsche offenbaren sich dort? – und verbinden uns alle.

Im Verlauf dieses Jahres habe ich so Verständnis für diametral unterschiedliche Sichtweisen entwickelt. Leider kann ich nicht sagen, dass ich aus diesen entgegengesetzten Perspektiven konstruktive Dialoge erlebt habe. Einen solchen Austausch sehe ich dadurch massiv erschwert, dass sich Menschen oft nicht mal einig werden über die Fakten, auf welcher ihre Meinung beruht. In der soziokratischen Gesprächsleitung würden wir sagen: Wir stecken bereits in der Bildformung fest. Eine gemeinsame Entscheidung auf Augenhöhe scheint meilenweit entfernt.

Ich glaube, dass ich als Mensch eine begrenzte Wahrnehmung habe. Aufgrund meiner Individualität, meiner Erfahrungen und Prägungen betrachte ich das Leben und die Welt aus einem bestimmten Blickwinkel. Es wird mir kaum je gelingen, alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Und deshalb gibt es für mich auch nicht die eine fixe Wahrheit. Es besteht immer die Chance, dass ich etwas ausser Acht gelassen habe: Ich weiss nicht, was ich nicht weiss.

Wenn ich aber möchte, kann ich meinen Blick auf die Welt von Tunnel auf Panorama schwenken. Indem ich mich in der Tiefe auf die Sichtweisen anderer Menschen einlasse und ihre Legitimität erkenne. Immer wieder lande ich so bei der Erkenntnis: Wenn das deine (aktuelle) Wahrheit ist, dann kann ich deine Gefühle, Gedanken und Handlungen nachvollziehen.

Für mich habe ich herausgefunden, dass die undurchsichtige Faktenlage mir alleine nicht reicht. Auf der Suche nach meiner persönlichen Wahrheit möchte ich auch nach innen schauen. Was fühlt sich für mich stimmig an, wo spüre ich Spannung, was sagt mir mein Bauchgefühl?

Was ich beim Zuhören auch gemerkt habe: Ich möchte nicht wählen zwischen zwei Zuständen der Angst. Weder von der Angst vor einem schmerzhaften Tod meiner Liebsten oder mir selbst, noch von der Angst vor der Einschränkung meiner Freiheit will ich mich lähmen lassen. Ich strebe nach einer Option, bei der meine vielfältigen Ängste mich in gesundem Kontakt begleiten dürfen. Ich möchte eigenständig kraftvoll und gleichzeitig beheimatet verbunden unterwegs sein.

Mein Anliegen bleibt die Integration. Aus zwei Polen, die mit ihrem Spannungsfeld Lebendigkeit hervorbringen entsteht etwas Drittes, Neues. Ein gemeinsamer Weg. Diese Aussicht wünsche ich mir auch für unsere Gesellschaft.

Cover Photo by Nick Fewings on Unsplash


Kim Jana Degen hat 2017 gemeinsam mit Jeannine Brutschin momo&ronja gegründet. „Wir begleiten Menschen auf dem Herzensweg. Mit momo&ronja legen wir Wert auf das Zusammenspiel von innerem und äusserem Wandel. Unsere tiefe Verbundenheit mit der Natur findet Ausdruck in konkreten Angeboten und Projekten.“

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